Das Viertel geht vor.

Wohnen im Alter.

Gemeinschaftliche Wohnformen gelten als Königsweg für eine immer älter werdende Gesellschaft. Doch wer alt ist, möchte am liebsten dort leben, wo er hingehört: zu Hause in einer vertrauten Umgebung.

Er ist 84, sie fünf Jahre jünger. Dem Ehepaar geht es gut, natürlich gibt es Zipperlein, aber darüber wird nicht gesprochen. Viel lieber tun die beiden so, als bliebe alles wie es ist. Umziehen? Einen Teil des Hauses vermieten? „Kommt nicht in Frage“, sagen sie unisono. Dass sich die erwachsenen Kinder Sorgen machen, Haus und Garten könnten die Eltern schon bald überfordern, empfinden sie als rührend – aber keinen Gedanken wert. „Hier bringt mich niemand lebend raus“, sagt der Vater.

Diese Haltung sei typisch für die Generation, sagt Frank Oswald, Professor für Interdisziplinäre Alternswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Rahmen einer Studie hat Oswald die Wohnpräferenzen von Senioren unter die Lupe genommen. Seine Studenten besuchten rund 600 Personen im Alter von 70 bis 89 Jahren in drei Stadtgebieten. Sie wollten wissen, wie verbunden die Menschen ihrem Quartier sind, und was sie brauchen, um dort wohnen zu bleiben. Dabei stellte sich heraus, dass die Befragten im Schnitt 38 Jahre in der gleichen Wohnung und etwa 45 Jahre im gleichen Stadtteil leben. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und das vor allem im Alter.

Charakteristisch für die Generation 70 plus ist ihre Beständigkeit. Die große Mehrheit vermutet, dass ihre Wohnsituation auch in fünf Jahren die gleiche ist. Überraschend war für den Alternswissenschaftler nur, dass dafür die Verbundenheit mit dem angestammten Quartier entscheidend ist. Ob vor der Wohnungstüre Barrieren lauern, die den Alltag erschweren, fiel dagegen nicht so stark ins Gewicht.

Weniger als ein Prozent in gemeinschaftlichen Wohnformen

Befördert durch den demografischen Wandel gehören Mehrgenerationenhäuser, Senioren-WGs, Cohousing-Projekte und andere altersgerechte Wohnformen derzeit zu den Lieblingsthemen von Politik und Medien. Doch diese Innovationen spielen derzeit keine relevante Rolle. Daran ändert auch die siebte Berichterstattung über ein und dieselbe Senioren-WG nichts.

Laut dem „Wohnatlas Teil 1“, den das Kuratorium Deutsche Altershilfe gemeinsam mit der Wüstenrot Stiftung herausgeben hat, lebten 2011 nur sieben Prozent der Menschen ab 65 Jahren in besonderen Wohnformen. Zu diesen zählen traditionelle Altenwohnungen, Senioren- und Pflegeheime genauso wie betreutes Wohnen, Pflegewohngruppen und gemeinschaftliches Wohnen. Anders gesagt: 93 Prozent der Senioren in Deutschland leben in herkömmlichen Wohnungen, ob zur Miete oder als Eigentümer. Noch erstaunlicher: Nach der Erhebung „Wohnen im Alter“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung waren 2010 nur fünf Prozent aller Seniorenhaushalte barrierefrei. In dieser Angelegenheit ermittelten Oswald und sein Team immerhin die höchste Bereitschaft, etwas zu verändern: 15 Prozent von 597 Befragten gaben an, eine solche Modernisierung zu planen.

Eines ist klar: Veränderungen werden kommen

Vorausschauend zu handeln und nicht erst zu reagieren, wenn die Lebensumstände alarmierend sind: Das ist eine Kunst, die den allerwenigsten gelingt. Dass Altersheime immer häufiger Pflegeheime für Demenzkranke sind, hängt auch damit zusammen, dass rüstige Menschen Heime meiden. Sie kommen erst, wenn Körper und Geist hinfällig geworden sind. Auch Senioren-WGs sind selten echte Wahlgemeinschaften, sondern setzen sich nach rein pragmatischen Gesichtspunkten zusammen.

Rechtzeitig ans Alter zu denken, ist auch beim Wohnungsbau entscheidend. Doch Fahrstühle, stufenlose Hauseingänge, rutschfeste Böden, Duschen ohne Schwellen sowie aus der Sitzposition erreichbare Fenstergriffe alleine reichen nicht, um möglichst vielen Betagten ihren Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen mit Sitz in Bonn fordert darüber hinaus: bezahlbaren Wohnraum, soziale und kulturelle Begegnungsorte im Wohnumfeld und die Entwicklung technikbasierter Assistenzsysteme.

Doch auch in einer digitalen Welt will das Leben im Alter vor allem organisiert sein: Versorgung, Pflege, das soziale Miteinander. Hier spielen eine intakte Infrastruktur, etwa die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel und kommunale Treffpunkte, eine ebenso wichtige Rolle wie die Nahversorgung durch Ärzte, Physiotherapeuten, Apotheken und Geschäfte des täglichen Bedarfs. Es ist zwar zu erwarten, dass kommende Generationen stärker auf Lieferdienste zurückgreifen, sich mit Internet-Bestellungen leichter tun und weniger sesshaft sind. Aber die Lebensqualität eines lokalen Umfelds mit Kultur und Gastronomie werden auch sie zu schätzen gelernt haben. Wer will schon auf sein vertrautes Lieblingscafé im eigenen Viertel verzichten, nur weil er mittlerweile den Altersdurchschnitt hebt?

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